Tage wie diese
Es gibt so Tage, an denen man sich kurz nach dem Aufwachen am besten wieder umdreht und weiterschläft. Bis zum nächsten Tag. Einfach durchschlafen. Das weiß man schon kurz bevor der Wecker losgeht. Es ist so ein Gefühl. Ein Ahnung, dass das ein richtig ätzender Arschloch-Tag wird. Die schlechte Laune breitet sich im ganzen Körper aus: jeglicher chronischer Schmerz meldet sich an so einem Tag bereits morgens und hält bis abends an. Auch die morgendliche Dusche hält ihre Versprechen nicht. Im Gegenteil: als ich aus der Dusche steige, lässt mich das eben noch warme Wasser frieren auf der Haut. Der volle Kleiderschrank gähnt mich an. Laaaaangweilig. Ich brauch neue Klamotten. Eine neue Sommerkollektion. Aber was soll ich heute anziehen? Tick Tack die Uhr läuft. Und ich muss heute pünktlich in der Agentur sein. Und noch essen, weil ich von 9 bis 12 Uhr im Dauermeeting sitzen werde. Mein Magen grummelt jetzt schon mit Echo. Und ich muss noch meine genauso langweiligen Haare föhnen, die ich danach eh wieder hochstecken werde. Tick Tack. Ich entscheide mich für tristes Schwarz und tristes Braun. Passend zum Dauerregenwetter. Was für ein Scheißtag.
Wenn es draußen schon grau und an mir schwarz ist, dann wenigstens etwas Farbe ins Gesicht. Gold und Grün aufs Lid. Und viel Wimperntusche. Gerade als ich das rechte Auge ordentlich getuscht habe, juckt ein Kribbeln meine Nase. Zu all den chronischen Schmerzen kommt jetzt auch noch die Allergie. Niesanfall aus 6mal hintereinander Brüllniesen. Kommt besonders gut bei getuschten Wimpern: die gesamte Farbe hängt wie Indianerbemalung auf meinen Augenrändern. Abschminken, neumachen. Zeit läuft. Roland muss noch ins Bad, ich muss noch essen, Fox muss noch raus. Beeilung.
Verschwitzt vor Hektik (jetzt kurz Bewegungstillstand sonst nochmal duschen) gibts zum Frühstück nur Apfelschorle. Wird sich schon was schnelles Essbares in der Agentur finden. 10 nach 8. Roland wecken. Keine Reaktion. Leises Grummeln: “Ich fühl mich nicht gut… bist Du mir böse, wenn ich später fahre.” Nee Schatz, muss nur jetzt rennen. 9 Uhr Meeting. Nix im Bauch. Und statt 15 Minuten Auto 30 Minuten Bahn. Kapuze auf die frisch geföhnten Haare. Der Regenschirm liegt natürlich in der hintersten Ecke unterm Schuregal versteckt. In gebückter Haltung krame ich hektisch danach und klemme mir dabei einen Nerv im Nacken ein.
Es nieselt nicht nur, es kübelt. Schon nach den ersten Schritten sind meine ohnehin schon abgelaufenen Lieblingsstiefel durchnässt. Hätte ich gewusst, dass ich heute im Regen laufen muss, hätte ich andere Schuhe angezogen. Aber lassen wir das. Wenn ich jetzt mit hätte-könnte-wenn-und-aber anfange, hätte ich heute garnicht aufstehen sollen. Es ist eben so wie es ist und außerdem hab ich jetzt eh keine Zeit mehr es zu ändern. Schlaue Erkenntnis, aber das macht meine kaputten Stiefel auch nicht wieder heil. Beim jedem Schritt ins Wasser muss ich mir vorstellen wie sich der Absatz mehr und mehr abläuft. Bis er weg ich und ich barfuss laufen muss. Durch den Regen und in der Agentur (Kindheits-Alpträume werden wach). Ich versuche sanfter aufzutreten. Geht nicht: zuviel Wut an diesem Morgen.
Von außen kann ich es schon erahnen: die Bahn ist rappelvoll. Voller vom Regen durchtränkter Menschen, deren Kleidung gemeinsam in der muffigen alten Bahn trocknet. Public Drying. Ekelhaft. Und eins hasse ich besonders: dieses Geglotze von denen drinnen zu denen draußen. Typisches Revierverhalten: Ich war als Erster hier! Mir doch egal: glotzt woanders hin, das macht mich nervös.
Stylistisch voll passend, stelle ich meinen roten Outdoor-Rucksack auf meinem Schoss ab um keinen Platz zu rauben (warum bin ich eigentlich so sozial hier?) und sehe jetzt ungefähr garnichts mehr. Besser so. Handy raus, SMS tippen, immer schön ablenken. Das Ruckeln der Bahn steuert nochmal eine extra Portion Spass bei: Vollbremsung als würde sich jemand vor den Zug schmeißen. Vollgas als würde der Bahnfahrer lieber Formel-1-Fahrer sein. Als krönenden Abschluss meiner Achterbahnfahrt morgens um kurz nach acht, gesellen sich zwei nach Alkohol stinkende Penner neben mich. Genau neben mich natürlich. Jedesmal wenn der neben mir spricht (oder eher stammelt) atme ich tief ein und halte den Atem an. Bis mir schwindlig wird. “Bitte bitte fahrt jetzt bloß nicht bis zum Ende. So muss ich ersticken.” Nach einer Station sind sie raus. Puh, geschafft. Ich musste nicht sterben.
Das kann heute nur einer dieser Tage werden, von dem alle schon wissen, dass er abends genauso endet wie er morgens angefangen hat. Mache man was man wolle. Wenn der Montag einen Zweitnamen hätte wäre das Arschloch und wenn ich ihn alleine in einer dunklen Ecke treffen würde, würde ich ihn verprügeln. Morgen ist ein neuer Tag. Da hast Du nochmal Glück gehabt…






